Die “ravin de la mort” (Todesschlucht)
INHALT
- Hintergrund
- Das Schubkarrenkommando
- Albert Fuchs und Josef Van der Mühlen, die Drahtzieher der Barbarei
- Die Opfer der “Todesschlucht”
Hintergrund
Am 9. Juli 1943 wird der erste Konvoi politischer Deportierter nach dem Nacht-und-Nebel-Erlass (NN) aus Frankreich im KZ Natzweiler gemeldet. Es folgen zwei weitere Transporte am 12. und 15. Juli 1943. Diese Transporte folgen auf einen Konvoi norwegischer NN-Häftlinge, die am 15. Juni im Lager eingetroffen waren.
Die Verlegung der NN-Häftlinge nach Natzweiler setzt eine Richtlinie des WVHA vom 7. Juni 1943 um, die den Kommandanten der Konzentrationslager die Verlegung aller als “NN” klassifizierten Gefangenen deutscher Herkunft in das KZ Natzweiler befiehlt.
Kommandant Josef Kramer schilderte seinen Männern diese französischen NN-Häftlinge in den niederschmetterndsten Farben. Für ihn sind sie nur eine Gesellschaft Krimineller (Zuhälter, Mörder, Vergewaltiger usw.), Abschaum, der im Alten Hafen von Marseille aufgegriffen worden ist, Bodensatz der Gesellschaft, der innerhalb eines Monats beseitigt werden muss. Die Neuankömmlinge erfahren ungezügelte Gewalt, von der Hierarchie gedeckt, sobald sie am Bahnhof Rothau aus dem Zug steigen. Am 10. Juli müssen die Gefangenen, die am Vortag eingetroffen sind, durch den Schlamm kriechen. Unter Schlägen werden sie gezwungen, im Laufschritt schwere Steine an der westlichen Lagergrenze entlang zu transportieren, auf der Seite zur Villa Ehret und außerhalb, den Hang hinauf. Die SS-Schergen Witzig und Ehrmanntraut lassen mit Schlagstöcken auf sie einprügeln und stacheln Hunde an, die sie auf die Häftlinge loslassen.
Dann werden sie mit einem Großteil ihrer Kameraden vom 12. und 15. Juli auf die Baustelle Kartoffelkeller geschickt, die Ehrmanntraut alias “Fernandel” untersteht, ein Kommando, das alsbald zu Dantes Inferno wird. Ein weiterer Teil der französischen NN-Häftlinge wird für den Straßenbau unter dem Straßenbaukommando des SS-Unterscharführers Albert Fuchs eingesetzt. Hier spielt sich die Episode der “Todesschlucht” ab.
Das Schubkarrenkommando
Aufgabe und Betrieb
Diese Baustelle, “Schubkarrenkommando” genannt, wird im Juli 1943 in Betrieb genommen. Die Gefangenen haben die Aufgabe, Schutt und Steine in der Nähe des Wachturms 7 an der südöstlichen Ecke des Lagers auf der Höhe der Kammerbaracke (ein Versorgungslager mit professionellen Schneidern, in dem Kleidung der zivilen Deportierten und gestreifte Gefangenenkleidung aufbewahrt wird) abzutransportieren. Die Deutschen öffnen das einfache Stacheldrahtnetz am Wachturm 7, damit die Deportierten im Laufschritt in Holzschuhen auf rutschigem und feuchtem Boden die Schubkarren am Abhang leeren können. Vor einem Wald entsteht nach und nach ein gebogener Erdhaufen, der auf beiden Seiten von einem SS-Wächter flankiert ist. Die Böschung, die sich teilweise außerhalb der Stacheldrahtabsperrung befindet, verlängert sich mit dem Aushub, der dort abgelagert wird. Der so gebildete Wall befindet sich etwa fünfzig Meter vom Lager entfernt, dreißig bis vierzig Meter von der Werkstattbaracke entfernt. Die Öffnung wird für die Nacht grundsätzlich wieder geschlossen.
Offiziell soll ein Weg rund um die Effektenkammer oder Bekleidungskammer geschaffen werden, der verschiedene Werkstätten unterstehen, in denen Kleidung gewaschen, verteilt und desinfiziert, aber auch Geld und Eigentum der Häftlinge verwaltet wird. Diese Baracke befindet sich eine Terrasse höher, im SS-Teil des Lagers, direkt unterhalb der Werkstatt, wo sich verschiedene Arbeitsbereiche befinden (Funkreparatur, mechanische und elektrische Reparaturen, Zimmerleute, Schlosser usw.). Der Bau dieses Weges ist eigentlich sinnlos, denn es gibt schon einen Weg zum Westeingang der Effektenkammer, die übrigens nur über diesen einen Ausgang verfügt. Diese Baustelle dient in Wirklichkeit nur dazu, die verunglimpften “NN”-Häftlinge physisch zu foltern und zu eliminieren.
Albert Fuchs und Josef Van der Mühlen, die Drahtzieher der Barbarei
Albert Fuchs, Leiter des Straßenbaukommandos
Der am 12. Oktober 1894 in Kehl geborene, gelernte Dekorationsmaler tritt 1912 als Freiwilliger in die Marine ein und dient bis 1918. Er heiratet und arbeitet eine Zeit lang in Straßburg als Monteur und Mechaniker in der Fabrik Chenard-Walker, danach bei Mathis. Ab 1933 ist er arbeitslos und wird vom Arbeitsamt bis 1936 beim Zoll untergebracht. Anschließend arbeitet er als Vermesser im Reichsamt und untersucht die Bodenzusammensetzung. Von 1937 bis 1939 ist er im Karlsruher Finanzamt tätig. Seit dem 1. Februar 1934 Mitglied der NSDAP, seit dem 1. August 1934 Mitglied der Allgemeinen SS, wird er 1939 in Wilhelmshaven zur Marine eingezogen. Allerdings wird er noch Ende des gleichen Jahres aus Altersgründen entlassen. Am 7. Mai 1940 wird er der Waffen-SS zugeteilt (Sturmmann am 15. September 1940, Rottenführer am 1. August 1941, Unterscharführer am 1. Dezember 1942). Nach seiner Ausbildung in Dachau wird er im Juni 1941 zur KZ-Wachmannschaft Neuengamme, dann am 21. Juni 1941 zur KZ-Wachmannschaft Natzweiler versetzt. Am 18. April 1942 erschießt er den Häftling Mieczyslaw Otwinowski (791) in der Nähe der Kiesgrube wegen Fluchtversuchs. Im Juni 1943 wird er zum Blockführer ernannt, am 1. Juli 1943 zur Kommandantur versetzt, bevor er am 5. Mai 1944 bis zum Zusammenbruch des Reichs nach Iffezheim abreist. Im Lager macht er durch sein verrohtes und gewalttätiges Verhalten auf sich aufmerksam. Er nimmt an zahlreichen Hinrichtungen durch Erschießen oder Erhängen teil. Er erhält aufgrund seiner Jagdleidenschaft und seiner Schießkünste den Spitznamen Kopfjäger und übernimmt das Kommando Straßenbau. Am 5. Mai 1945 wird er in Tirol von den Amerikanern gefangen genommen. Nach der Internierung in Heilbronn, Marseille, Cherbourg, Zinning, wieder Heilbronn, Darmstadt, Babenhausen, Zussenhausen und Dachau wird er im Frühjahr 1947 den französischen Behörden übergeben und in Germersheim interniert. Am 14. Juli 1947 wird er vom Gericht in Rastatt zum Tode verurteilt. Nach Begnadigung durch General Koenig wird das Urteil in lebenslängliche Zwangsarbeit umgewandelt, die er im Gefängnis Wittlich ableistet.
Fuchs heckt einen Plan aus, um NN-Häftlinge, die er verabscheut, von den SS-Wachen töten zu lassen. Dabei soll ihm der deutsche Kapo Josef Van der Mühlen (3142) helfen. Die Morde sollen als Fluchtversuch getarnt werden. Seine Idee besteht einfach darin, dass sie von der Böschung fallen. Da sich die Baustelle teilweise außerhalb des Stacheldrahts befindet, würde sich das Opfer außerhalb des Sicherheitsbereichs befinden und könnte in Übereinstimmung mit den Vorschriften des Lagers wegen Fluchtversuchs erschossen werden. Die Wächter würden wegen der möglichen Belohnung für das Verhindern eines Fluchtversuchs schießen: drei Tage Urlaub und Zuwendungen an Zigaretten oder Alkohol. Der 1909 geborene Josef Van der Mühlen war im Lager Ensisheim mit der Klassifizierung Sicherungsverwahrung inhaftiert und kam als deutscher Asozialer am 13. April 1943 in Natzweiler an. Dieser wegen Schwachsinn sterilisierte, fünfzehnmal verurteilte Verbrecher, der in Frankreich wegen Bettelei verhaftet worden war, wird ab dem 20. Juni für einen Zeitraum von sechs Monaten in die Strafkompanie versetzt. Daher ist er als Kapo der Baustelle zugeteilt. Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass er im Juni 1943 zu den Versuchspersonen der von Otto Bickenbach durchgeführten Experimente mit Phosgengas gehört. Van der Mühlen legt eine an Sadismus grenzende Grausamkeit an den Tag, mit der er sich besonders auf die erschöpften NN-Häftlinge konzentriert, deren er habhaft werden kann.
Alle rund 20 Häftlinge dieses Schubkarrenkommandos sind durch die seit ihrer Ankunft erfahrenen körperlichen Misshandlungen erschöpft, insbesondere die NN-Häftlinge. Ein grausames Ritual wiederholt sich nun. Auf Befehl von Fuchs folgt Van der Mühlen einem Häftling, schikaniert ihn mit Stockhieben und versucht ihn bei sich bietender Gelegenheit mit der Schulter oder den Händen von der Böschung zu stoßen. Das Opfer stürzt den Abhang hinunter und die Wachposten können unter dem Vorwand eines Fluchtversuchs auf ihn schießen. Wenn Fuchs anwesend ist, ruft er den Posten den Schießbefehl zu: „Wächter, schießen. Dieser Mann ist geflohen.“ Während der Arbeiten erleiden die Gefangenen nicht nur die Schläge von Van der Mühlen, sondern auch die Angriffe des Hundes, den Fuchs ständig auf sie hetzt. Das Tier fügt ihnen grausame Wunden an Füßen und Waden zu. Da den NN-Häftlingen der Zugang zum Revier untersagt ist, fangen die Wunden schnell an zu eitern. Karl Mahlbacher (1730), der in der Schreinerei (Werkstatt) arbeitet, und Johann Gasch (174), Kapo der Effektenkammer, schaffen es, ihnen Hemdstücke als Verband zukommen zu lassen. Mahlbacher stellt einmal einen Behälter mit Trinkwasser an die Baracke. Fuchs sieht ihn und schlägt ihn gegen die Barackentür. Er droht ihm, ihn zum Schubkarrenkommando zu schicken.
Zwischen dem 19. und 27. Juli 1943, innerhalb einer Woche, werden acht Deportierte ermordet: 6 NN-Häftlinge des Konvois aus Romainville, der am Abend des 15. Juli 1943 ankommt, und zwei sowjetische Häftlinge. Alle werden fast am gleichen Ort getötet (vgl. die Pläne). Ein weiterer Häftling des Konvois vom 15. Juli 1943 wird in dieser Woche verletzt.
Die Opfer der “Todesschlucht”
19. Juli 1943
Der erste Mord ereignet sich am 19. Juli 1943 gegen 16.45 Uhr. Das Opfer heißt Léon Aubrun (4556), 1902 geboren, Drucker aus Paris, verheiratet und Vater eines Kindes, Mitglied des kommunistischen Widerstands. Er ist am 19. Oktober 1942 von der Sonderbrigade verhaftet und im Gefängnis La Santé in Fresnes und im Fort Romainville interniert worden, bevor er als NN–Häftling im Konvoi vom 15. Juli 1943 nach Natzweiler deportiert wird. Er ist zwar kein Jude, Fuchs ist aber der Ansicht, er sei vom “jüdischen Typus”. Als die Arbeiten beginnen – der Stacheldraht ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht geöffnet -, sagt Fuchs zum Kapo „Nimm ihn her“. Léon Aubrun wird von Van der Mühlen gestoßen, während er gerade seine Schubkarre entleert. Er fällt und verfängt sich im Stacheldrahtnetz, wo er von der Wache des Wachtturms 7, dem SS-Mann Grassl, mit zwei Kugeln erschossen wird. Die Aorta ist getroffen und Léon Aubrun verblutet schnell. Seinen Körper lässt man im Stacheldraht hängen.
21. Juli 1943
Am 21. Juli 1943 fordert der makabere Plan zwei weitere Opfer: Sylvain Feldscher (4576) und Aaron Skrobek (4594), beide Israeliten. Sylvain Feldscher ist zwanzig Jahre alt, Medizinstudent, und wird in Paris verhaftet, dann in Cherche-Midi, Drancy und Romainville interniert, bevor er am 15. Juli in Natzweiler registriert wird. Seine Eltern Kalman und Rachelle Feldscher werden am 22. Juli 1942 nach Birkenau deportiert und ermordet. An diesem 21. Juli 1943 wird er um 10 Uhr auf eine Kopfbewegung von Fuchs hin von Van der Mühlen gestoßen und sofort vom ungarischen SS-Mann Ketschkerch erschossen. Nach der offiziellen Terminologie ist er als “Mittelwache” am Fuß der Böschung postiert. Vier Kugeln werden abgefeuert, eine davon trifft den Kopf von Sylvain Feldscher.
Fünfzehn Minuten später feuert der gleiche Wächter drei Kugeln auf Aron Skrobek ab, der von zwei Kugeln an der linken Schläfe tödlich getroffen wird, die dritte trifft seine linke Schulter. Aron Skrobek war als Papier- und später Textilarbeiter 1936 nach Frankreich emigriert. Der polnische kommunistische Aktivist war 17 Monate in Polen interniert. Während der Besetzung wurde er einer der Anführer der jüdischen Résistancegruppe FTP-MOI unter dem Alias “David Kutner”. Er wurde am 16. Dezember 1942 in Paris verhaftet und zunächst in Cherche-Midi und dann in Romainville interniert. Seit seiner Ankunft im Lager wird Aron Skrobek von Fuchs, einem fanatischen Antisemiten, schikaniert. Einige Tage zuvor hatte der SS-Mann Gefallen daran gefunden, ihm Steine in den Mund zu drücken, während er auf dem Boden lag. Am 21. Juli wird Aron Skrobek von Fuchs von der Böschung auf einen scharfkantigen Steinhaufen geworfen und verletzt sich an der Kopfhaut. Roger Leroy nimmt ihn zur Seite hinter den Steinhaufen. Doch Fuchs, der seine Beute nicht aufgibt, schickt ihn zurück an die Arbeit. Dann befiehlt er dem SS-Mann Ketschkerch, Skrobek zu erschießen. Der Autopsiebericht zeigt die Misshandlungen. Er verzeichnet Schwellungen im Gesicht und zwei große Hämatome auf beiden Augenlidern.
22. Juli 1943
Am nächsten Tag kommen zwei neue Opfer auf die unmenschliche Liste. Der polnische Staatsangehörige jüdischer Herkunft Jan-Jerzy Salomon Grenkamp-Kornfeld, geboren 1896 in Gorlice, ist Angestellter in einem Reisebüro. Nach seiner Ankunft in Frankreich im Dezember 1924 arbeitete er von 1931 bis 1939 als Leiter der Abteilung für Propaganda und Tourismus bei der Firma “Orbis”, danach war er bis Juni 1940 im polnischen Finanzministerium in Paris beschäftigt. Anschließend gab er Deutschunterricht und übernahm Übersetzungen. Vor dem Krieg beschäftigte er sich journalistisch mit Wirtschaftsfragen im Brüsseler Wirtschaftsblatt Revue économique und auf Polnisch in der Warschauer Zeitung La Gazetta-Handlova. 1939 wurde er für seine Verdienste um die Weltausstellung 1937 zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. Der Publizist war von der Kunstsprache Esperanto überzeugt. Er wird am 2. September 1942 verhaftet und in La Santé, Drancy und Romainville als “Jude” interniert, obwohl er in Natzweiler angibt, Katholik zu sein. So steht es auch auf seiner Sterbeurkunde.
Der ursprünglich für das Schubkarrenkommando eingeplante Jan-Jerzy Grenkamp-Kornfeld wird vom deutschen Kapo Wilhelm Kratt, der für die Arbeitskräfte zuständig ist, einer anderen Arbeitseinheit zugewiesen. Fuchs wird darauf aufmerksam und lässt ihn sofort holen. Den ganzen Tag wird der Unglückliche von Fuchs so malträtiert, dass er sich kaum noch auf den Beinen halten kann. Wiederholt vereitelt er Van der Mühlens Bemühungen, ihn zu Fall zu bringen. Aber gegen 13.50 Uhr, als er seine Schubkarre über die Böschung leert, gelingt Van der Mühlen der verhängnisvolle Stoß. Grenkamp rollt den Hang hinunter, wo er sofort von einer Maschinengewehrsalve des SS-Manns Peter Gaubatz, der am Fuß des Erdhügels steht, erschossen wird. Von fünf Kugeln getroffen erliegt er seinen Lungenverletzungen. Seine Leiche wird von den Sanitätern, darunter Nales Gerrit, weggebracht.
Gegen 15.45 Uhr steht René Brulay (4567), der den ganzen Tag von Van der Mühlen angegangen wird, am Rand des Zusammenbruchs. Geboren 1904 in Le Creusot wurde der Drucker in Montreuil am 19. Oktober 1942 von der Sonderbrigade wegen seines Engagements im kommunistischen Widerstand verhaftet. Er saß zunächst in Fresnes, dann in Romainville ein, bevor er ins KZ Natzweiler deportiert wurde. An diesem Nachmittag des 22. Juli öffnet er auf dem Gipfel der Böschung sein Hemd und ruft: „So stirbt ein Franzose.“ Weitere Schüsse fallen. Gaubatz trifft ihn mit einer Salve von sieben Schüssen. Eine Kugel trifft ihn am Kopf. Insgesamt hat Gaubatz für diese beiden Morde 23 Patronen abgefeuert.
25. Juli 1943
Peter Burri (2921) wird um 10.35 Uhr von SS-Unterscharführer Franz Gersbach niedergeschossen. DerukrainischeOstarbeiter Peter Burri, geboren 1921 in Solotonoscha in der Gegend von Poltawa, verhaftet Ende Februar 1943 in der Region Saargemünd, wurde am 10. März 1943 in Natzweiler registriert (Block 7). Er soll von Van der Mühlen von der Spitze des Erdwalls gestoßen worden sein. Franz Gersbach sagt aus, Burri habe versucht, in den Wald zu fliehen. Gersbach, der sich zu diesem Zeitpunkt in der Zaunöffnung befindet, ruft die üblichen Warnungen und erschießt sein Opfer aus zwölf Metern Entfernung mit einer Salve von drei Kugeln seiner Maschinenpistole. Peter Burri verblutet innerlich an einer Durchtrennung seiner Lungenarterie durch zwei Kugeln.
26. Juli 1943
Um 14.00 Uhr wird Paul Cessac (4569) durch die Mittelwache, SS-Unterscharführer Reimann, verwundet. Van der Mühlen stößt ihn die Böschung hinab, er rollt nach unten, klettert aber wieder hinauf. Er wird von einem Schuss getroffen, als er sich an der Spitze des Erdwalls festhält. Mit einer Verletzung am Schulterblatt (der Wade laut ITS-Formular) wird er in die Krankenstation gebracht. Paul Cessac wird zwei Tage lang an anderer Stelle zur Arbeit eingesetzt und schließlich mit der Kugel im Schulterblatt zum Schubkarrenkommando zurückversetzt. Paul Cessac, 1923 in Paris geboren, war Zurichter in Vitry-sur-Seine und wurde von der Sonderbrigade der Kriminalpolizei wegen seiner Tätigkeit für den kommunistischen Widerstand festgenommen. Zunächst in Fresnes und Romainville festgehalten gelangte er im Konvoi vom 15. Juli 1943 nach Natzweiler. Am 2. September 1944 wird er in das Konzentrationslager Dachau abtransportiert, wo er am 4. September unter der Häftlingsnummer 98280 registriert wird. Er wird dem Außenlager Augsburg-Pfersee zugeteilt und am 29. September in das Außenlager Leonberg verlegt, wo er am 2. Oktober (Häftlingsnummer 29139) registriert wird. Nach seiner Befreiung aus Leonberg verstirbt er am 13. Juni 1945 an Tuberkulose im Sanatorium Bir Hakeim in Marzell.
27. Juli 1943
Der 1903 in Paris geborene René Bigarré (4562) war Chemie- und Industrieingenieur in der Hauptstadt. Er engagierte sich seit Februar 1942 im Widerstandsnetzwerk Confrérie-Notre-Dame und wurde am 17. April 1942 von der deutschen Polizei aufgegriffen. Zunächst in Fresnes, dann in Romainville interniert, gelangte er im Konvoi vom 15. Juli 1943 nach Natzweiler. Am 27. Juli 1943 wird Bigarré um 10.45 Uhr von der Wache am Fuß des Erdwalls, dem SS-Unterscharführer Gleich, der nach dem Krieg hingerichtet werden wird, erschossen. Wie Grenkamp-Kornfeld hatte sich René Bigarré in ein anderes Kommando gerettet. Fuchs holt ihn zurück und setzt ihn wieder im Schubkarrenkommando ein. René Bigarré ist schnell erschöpft. Adrien Bermand will ihn ersetzen, wird aber von Fuchs bedroht. Bigarré muss umso mehr laufen. Van der Mühlen hat bereits versucht, ihn von der Böschung zu stoßen, aber der Deportierte ist auf der Hut. Er nähert sich Seuss und will ihm zu verstehen geben, dass er nicht mehr in diesem Tempo arbeiten kann. Der Handlanger gibt ihm zwei Ohrfeigen und einen Tritt. Fünf Minuten später stößt ihn Van der Mühlen von der hohen Böschung. Dem Unterscharführer Reimann fällt um 15.00 Uhr ein weiterer Häftling, Timofej Nagulka mit der Nummer 1754, zum Opfer. Geboren 1899 in Pruska in der Region Orjol, wurde der Ostarbeiter, der in Deutschland als Landarbeiter beschäftigt ist, am 9. Juli 1942 von der Stapo Dresden verhaftet, weil er seinen Arbeitsplatz verlassen hatte. Am 28. Juli 1942 wurde er im KZ Buchenwald unter der Nummer 477 registriert. Er wurde in das Außenlager Köln gebracht und am 14. Dezember 1942 in das KZ Natzweiler verlegt, wo er am nächsten Tag registriert und noch am selben Tag nach Obernai versetzt wird. Das Datum seiner Versetzung ins Hauptlager ist nicht bekannt. Laut Seite 513 des Wachpostenheftes vom 28. Juli 1943 werden am 26. und 27. Juli 18 Patronen abgefeuert.
Nach den Hinrichtungen
Nach all diesen Angaben “auf der Flucht erschossen”, dem offiziellen Grund für den Abgang durch Tod, werden die Wachen von SS-Justizoffizier Volkmar befragt. Es werden Pläne erstellt, um die Umstände der Vorfälle genau zu erfassen. Die Zeichnungen werden von Häftling 542 Andreas Albrecht angefertigt.
Nach den Todesfällen trifft Willy Behnke vom Arbeitsdienst ein Arrangement und Josef Van der Mühlen wird auf eine Transportliste gesetzt. Er geht am 6. August 1943 in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Es gibt zahlreiche Zeugenaussagen, dass sein Gesicht verquollen ist und er sich kaum auf den Beinen halten kann, nachdem er von den anderen Häftlingen Prügel bezogen hat. Von da an verliert sich seine Spur. Möglicherweise wird er während des Transports zu Tode geprügelt oder in Sachsenhausen von deutschen Häftlingen seines Blocks getötet.
Weitere Informationen
Französisches Zentralarchiv für Militärjustiz DCAJM: Prozess Natzweiler, 1958.
Historischer Dienst des französischen Verteidigungsministeriums SHD, Zentralarchiv für Akten französischer Opfer zeitgenössischer Konflikte DAVCC: Serie 21 P: Akten der Opfer.
https://arolsen-archives.org/fr
https://fusilles-40-44.maitron.fr
https://www.memorialdelashoah.org