Der Fall Ballersdorf

INHALT

  1. Die Verweigerung der Zwangseinberufung
  2. Ein Versuch, sich in die Schweiz abzusetzen
  3. Unerbittlicher Gauleiter
  4. Ein Prozess vor dem Sondergericht
  5. Eine Justizfarce
  6. Hinrichtung im KZ Natzweiler
  7. Das letzte Opfer

Die Verweigerung der Zwangseinberufung

Nach der Niederlage von Stalingrad am 2. Februar 1943 vertritt der Gauleiter Robert Wagner die Ansicht, dass das Elsass voll und ganz in den Überlebenskampf Deutschlands eintreten muss. Doch Proteste gegen die Einberufung in die Wehrmacht häufen sich. So gelangen am 10. Februar 183 Verweigerer aus Dörfern des Sundgaus unter Begleitung von Unteroffizieren der französischen Armee in die Schweiz. 205 weitere junge Männer aus dem Sundgau (Waldigshoffen, Muespach, Grentzingen, Oberdorf, Ruederbach, Riespach, Feldbach) schließen sich ihnen in der Nacht vom 11. auf den 12. Februar an. Für Wagner kommen Anzeichen der Schwäche nicht in Frage, während das Dritte Reich mittlerweile einen Kampf auf Leben und Tod um seine Existenz führt. Wer sich weigert, seine Pflicht zu erfüllen, gilt als Verräter und muss beseitigt werden.

Ein Versuch, sich in die Schweiz abzusetzen

Am Donnerstag, den 11. Februar 1943, werden die jungen Männer aus Ballersdorf der Jahrgänge 1914 bis 1919 in die Erfassungslisten eingetragen, um eingezogen zu werden. Auf der Straße und vor dem Rathaus diskutieren sie über die Chancen, über die Grenze zu gelangen. Die Diskussionen gehen im Restaurant Barth weiter. Sie sind der festen Überzeugung, um keinen Preis in der feldgrauen Uniform dienen zu wollen.

Die beiden Anstifter sind Aloyse Boll und René Grienenberger aus Ballersdorf, letzterer ist verantwortlich für den Kontakt zu der jungen Bevölkerung aus Retzwiller, Aspach und Dammerkirch. Das Problem der jungen Leute besteht darin, einen sicheren Schleuser in die Schweiz zu finden.

Am Freitag, den 12. Februar, treffen sich zwischen 19 und 20 Uhr mehrere junge Männer bei ihrem Kameraden René Grienenberger. Sie haben immer noch keinen Schleuser. Sie überzeugen ihre Kameraden, ihr Glück zu versuchen und verabreden sich um 22 Uhr am südlichen Dorfausgang.

18 Personen finden sich letztendlich dort ein:

  • aus Ballersdorf Camille Abt, Aloyse Boll, Charles Boloronus, Justin Brungard, Eugène Chéray, René Grienenberger, Henri Mihé, Charles Muller, Charles Wiest (03.03.1914), Ernest Wiest und die Brüder Charles (05.07.1914) und Maurice Wiest,
  • aus Elbach: Peter Paul,
  • aus Retzwiller: Alfred Dietemann, Aimé Fulleringer, René Gentzbittel,
  • aus Aspach: Joseph Burgy,
  • aus Dammerkirch: René Klein.

Die Gruppe verfügt über sechs Karabiner und vier Revolver, die 1940 beiseite geschafft wurden. Sie haben einen Grenzübergang in der Nähe von Seppois-le-Haut im Auge. Die kleine Truppe begibt sich ins Dorf Füllern und folgt dann der Bahnlinie von Dammerkirch in die Schweiz. Gegen Mitternacht kommen sie in der Nähe von Seppois-le-Haut an. Kurz darauf gelangt die Gruppe an die kleine Eisenbahnbrücke, die 100 Meter südlich liegt. Gegen zwei Uhr morgens, als sie die Böschung zur Brücke erklimmen, werden sie von zwei Grenzpolizisten abgefangen. Ein Schuss geht los. Man wird nie mit Sicherheit erfahren, wer geschossen hat. Es kommt zu einem Schusswechsel. Drei junge Männer werden getötet: Aimé Burgy aus Aspach, Charles Wiest (03.03.1914) mit einer Kugel in den Kopf und Ernest Wiest, der Charles zu Hilfe kommt. Die anderen fliehen.

Die Leichen der drei Opfer werden am 13. Februar unter polizeilicher Begleitung ins Krematorium von Straßburg gebracht. Ein verwundeter deutscher Grenzbeamter stirbt am folgenden Tag im Krankenhaus von Mulhouse. Die Deutschen finden bei Ernest Wiests Leiche die Namensliste der Gruppe. Eine Sonderfahndung wird vom Zoll, der Gendarmerie, der Wehrmacht und der Gestapo Mulhouse durchgeführt.

Alle jungen Männer werden am 13. und 14. Februar gefangen genommen und dann im Gefängnis von Mulhouse inhaftiert. René Grienenberger, der Gefangennahme entgangen, versteckt sich drei Tage lang auf einem Bauernhof in Bisel. Dann versteckt er sich vom 15. Februar bis 8. Mai auf dem Sennhüttenhof zwischen Bisel und Largitzen, bevor er die Grenze nach Saint-Louis überquert. In der Schweiz interniert, tritt er am 3. November 1944 mit einer Gruppe von Elsässern der Groupe Mobile d’Alsace in Ornans bei.

Unerbittlicher Gauleiter

Als Gauleiter Wagner von den Ereignissen erfährt, ist er außer sich und trifft sich am Vormittag des 13. Februar mit dem Leiter der Sipo-SD Hans Fischer. Er fordert, die jungen Leute sofort hinzurichten – das wäre Mord – und überschreitet damit seine Befugnisse als Gauleiter. Das Reichssicherheitshauptamt RSHA stellt sich dagegen. Parallel dazu ordnet der Gauleiter Wagner am 14. und 15. Februar, während die Ermittlungen noch am Beginn stehen, die Abschiebung der Eltern der jungen Leute in das Altreich (das Reich vor der Annexion) an. Da Mord schlicht und ergreifend auszuschließen ist und der Gauleiter dennoch eine exemplarische Verurteilung will, trifft er mit Fischer eine Vereinbarung, damit der Fall zügig verhandelt wird. Die Verhöre finden am Samstag, den 13. und Sonntag, den 14. im Hauptsitz der Gestapo in Mulhouse statt. Die jungen Männer werden von der Polizei misshandelt.

Ein Prozess vor dem Sondergericht

Am Morgen des 14. Februar wird der Gauleiter über die Untersuchungsentwicklung informiert. Er ruft Ludwig Luger an, den Staatsanwalt am Sondergericht Straßburg, der nach seiner Pfeife tanzt. Der Prozess wird auf den 16. Februar gelegt. Luger und Richard Huber, der Vorsitzende des Sondergerichts, begeben sich zu Fischer, der ihnen das Dossier Ballersdorf übergibt. Er gibt ihnen zu verstehen, dass gemäß Stellungnahme des Gauleiters auf dem schnellsten Weg zu handeln und die Todesstrafe gegen die 14 Angeklagten zu verhängen ist. Noch vor ihrem Gerichtstermin sind die jungen Männer aus Ballersdorf schon verurteilt. Sogar der Hinrichtungstermin wird im Voraus festgelegt.

Am 15. Februar werden die jungen Leute in das Sicherungslager Schirmeck-Vorbruck verlegt und in die Zellen des Duschhauses, gegenüber der Küchen, gebracht. Sie werden geschlagen und erhalten keine Verpflegung. Sie müssen eineinhalb bis zwei Stunden im Regen durch den Schlamm kriechen. Früh am nächsten Tag werden sie im Kleintransporter nach Straßburg gebracht, nicht ohne brutale Prügel erlitten zu haben.

Eine Justizfarce

Am Morgen des 16. Februar kommen die Anwälte im Büro des Vorsitzenden Huber an. Sie erfahren von Generalstaatsanwalt Luger, dass sie 14 junge Männer verteidigen müssen, deren Prozess am selben Tag um 14.30 Uhr stattfindet. Sie haben keine Möglichkeit, ihre Mandanten zu sehen und kennen die Anklagepunkte nicht.

Kurz vor Beginn der Anhörung werden die jungen Leute gebracht. Man legt ihnen die Anklageschrift in Anwesenheit ihrer Anwälte vor. Es ist nach 14.30 Uhr. Die Verhandlung beginnt um 15.00 Uhr. Staatsanwalt Luger liest die Anklageschrift vor und hebt den Tod des Polizisten hervor. Die Anwälte reagieren, denn zwei der Angeklagten, Justin Brungard und Charles Müller, sind minderjährig. Der Staatsanwalt antwortet, sie seien als Erwachsene zu verurteilen. Die Verhandlung ist kurz und Huber führt die Befragung der Angeklagten, die sich offensichtlich nicht darüber im Klaren sind, was auf dem Spiel steht, mit schneidender Schärfe. Auch wenn nur einer geschossen hat, sind alle für das Gericht Komplizen des Mordes an dem deutschen Zollbeamten. Der Fall von Charles Müller wird wegen eines psychiatrischen Gutachtens zum Grad seiner Verantwortungsfähigkeit von der Angelegenheit getrennt.

Um 21.30 Uhr verhängt der Vorsitzende Huber 13 Todesurteile, auch gegen den Minderjährigen Justin Brungard. Die Verurteilten werden sofort im Lastwagen ins Sicherungslager Schirmeck-Vorbruck gebracht und in Zellen gesperrt. Buck erhält am Abend ein Telegramm des RSHA, in dem ihre Hinrichtung mit genauem Datum und Uhrzeit angeordnet wird.

Vor Mitternacht begibt sich Luger zum Privathaus des Gauleiters und informiert ihn, dass am nächsten Tag ein Gnadengesuch eingereicht wird. Wagner erklärt, er verzichte auf sein Begnadigungsrecht und habe die Gestapo bereits mit der Durchführung der Hinrichtungen beauftragt.

Hinrichtung im KZ Natzweiler

Am Morgen des 17. Februar um 7.00 Uhr werden die jungen Männer aus ihren Zellen geführt. Man lässt sie paarweise angekettet in den grünen Kleintransporter des KZ Natzweiler einsteigen. Buck erklärt den jungen Leuten, dass ihr Gnadengesuch abgelehnt wurde und sie in einer Stunde hingerichtet werden. Er liest ihnen den Bericht aus der am Vormittag herausgekommenen Zeitung vor, in der ihre Verurteilung und vorzeitige Hinrichtung angekündigt wird. Keiner von ihnen spricht ein Wort.

Gegen 9.00 Uhr ertönt die Sirene im schneebedeckten KZ Natzweiler. Alle Häftlinge werden in ihren Baracken eingeschlossen. Die Häftlinge des Kiesgrubenkommandos werden in den gegenüberliegenden Kohlekeller geschickt, um den Kugelfang zu holen. Es handelt sich dabei um eine dicke Holzplatte, die in der Kiesgrube errichtet wurde, da es dort keinen Hinrichtungspfahl gibt. Die Gefolterten werden mit dem Transporter gebracht. Sie werden nicht registriert. Sie werden in den Block 1 – die Verwaltungsbaracke – gebracht und in den Strafraum gesperrt. Man gibt ihnen eine gestreifte Häftlingshose.

SS-Hauptsturmführer Heidrich, Kommandant der Wachkompanie, ernennt einen Zug von 15 Mann. Der Zug trifft im Steinbruch ein, in dem sich die SS-Männer Wolfgang Seuss und Willy Bensch, Kommandant Kramer und sein Stellvertreter Volkmar sowie verschiedene militärische und zivile Personen befinden: Staatsanwalt Luger vom Sondergericht, Karl Buck, Kommandant von Schirmeck, und ein Gestapo-Offizier aus Straßburg.

Der Zug stellt sich in einer Reihe auf. Die Blockführer bringen die jungen Leute in Fünfergruppen in Holzschuhen, mit gestreiften Hosen und einer gestreiften Jacke, die ihnen über die Schultern geworfen wurde. Sie werden mit dem Gesicht zum Kugelfang aufgestellt, dann nimmt man ihnen die Jacken ab. Der Zug steht in ungefähr 12 m Entfernung. Die Hinrichtung ist abscheulich. Die erste Salve trifft sehr schlecht, da der Zug erschüttert ist, auf so junge Personen zu schießen. Mehrere werden nicht sofort getötet, sondern nur verletzt. Heidrich zieht seine Pistole, um ihnen den Gnadenschuss zu geben, aber die Waffe blockiert. Bensch und Seuss geben dann die Todesschüsse ab. Auf Befehl Kramers übernimmt Seuss sofort das Kommando. Als die zweite Gruppe mit fünf Opfern an die Reihe kommt, sind die Schüsse noch schlechter, denn mehrere Männer haben vergessen zu entsichern.

Nun kommt die letzte Dreiergruppe. Da wendet einer der drei jungen Leute seinen Kopf der SS zu und sagt, er wolle seinen Mördern in die Augen sehen. Er bleibt in dieser Position stehen, bis er fällt. Die Leichen werden in Holzkisten geworfen, aus denen das Blut in den weißen Schnee fließt. Die Kisten werden auf einen Lastwagen geladen, der sie zum städtischen Krematorium von Straßburg fährt. Die Kleidungsstücke werden von zwei Häftlingen des Schneiderkommandos abgeholt.

Das letzte Opfer

Der 17-jährige Charles Müller wird in Straßburg einer psychiatrischen Untersuchung unterzogen. Man kommt zu dem Schluss, dass er die Verantwortung für seine Taten übernehmen kann, und er wird ins Sicherheitslager Schirmeck-Vorbruck zurückgeschickt. Ein Hinrichtungsbefehl kommt aus Berlin und Buck lässt ihn nach Natzweiler überführen. Er wird am 24. Februar 1943 zusammen mit zwei anderen Elsässern, Paul Munier und Henri Jaeglé, erschossen.

Quellen

  • Elsässisches Archiv in Straßburg (Archives d’Alsace, Strasbourg): 150AL14, 150AL17, 150AL42.
  • Französisches Zentralarchiv für Militärjustiz DCAJM: Prozess von 1958.
  • Historischer Dienst des französischen Verteidigungsministeriums SHD, Zentralarchiv für Akten französischer Opfer zeitgenössischer Konflikte DAVCC: Serie 21 P: Akten der Opfer des Falls.
  • SHD, Vincennes: 16 P 270449: Akte von René Grienenberger.
  • www.maitron.fr: Biografien der Erschossenen aus Ballersdorf.
  • https://collegedelalargue.fr/biographie/
  • STROH Frédéric, Association pour des études sur la Résistance intérieure des Alsaciens (AERIA (illustriert von Christophe Clavel), « Le drame de Ballersdorf (Haut-Rhin), in Eric Le Normand, La résistance des Alsaciens, Fondation de la Résistance, Abteilung AERI, 2016.