Die Geschichte des Konzentrationslagers Natzweiler im annektierten Elsass (1941-1945)

Das 1941 im annektierten Elsass erbaute KZ Natzweiler ist das einzige Konzentrationslager auf französischem Boden. Mehr als 50.000 Männer wurden dorthin deportiert. Heute ist die Gedenkstätte Natzweiler-Struthof ihrem Andenken und ihrer Geschichte gewidmet.

INHALT

  1. Die architektonischen Großprojekte im Dritten Reich
  2. 50 000 Insassen
  3. Entmenschlichung und Tod, Alltag der Deportierten
  4. Kriegsende und Weitergabe der Lagergeschichte
  5. Weitere Informationen

Die architektonischen Großprojekte im Dritten Reich

Im Mai 1941 erreichen dreihundert Häftlinge des Konzentrationslagers Sachsenhausen das Gasthaus „Le Struthof“ in der Gemeinde Natzwiller im Elsass, vor dem Krieg ein beliebtes Skigebiet für die Straßburger Bevölkerung. Sie bauen die Straße und das Lager, das sich zunächst im Umfeld des Gasthofs befindet (unteres Lager). Der Bau des oberen Lagers, 800 m über dem Meeresspiegel an den Ausläufern der Vogesen, beginnt 1942.

Natzweiler ist das einzige Konzentrationslager auf französischem Boden. Es wurde im Elsass, das de facto von Nazi-Deutschland annektiert worden war, errichtet. Ursprünglich sollte in einem Steinbruch rosa Granit für die monumentalen Architekturprojekte des Dritten Reiches abgebaut werden, aber ab 1943 wird das Arbeitspotenzial der KZ-Insassen zur Unterstützung der Kriegswirtschaft eingesetzt. Der Steinbruch wird in ein Demontagezentrum für Junkers-Flugzeugtriebwerke umfunktioniert, während 53 Außenlager auf beiden Seiten des Rheins entstehen.

Das Lager ist auch Schauplatz menschenverachtender medizinischer Experimente. Im April 1943 wird eine Gaskammer im Ballsaal eingerichtet, in der im August 86 Juden für die jüdische Skelettsammlung des Professors Hirt ermordet werden. Der Bau des Lagers wird mit der Verlegung des Krematoriumsofens aus der Nähe des Gasthauses in ein Gebäude innerhalb des Lagers im Oktober 1943 abgeschlossen.

50 000 Insassen

Zwischen 1941 und 1945 wurden 50 000  Insassen aus den unterschiedlichsten Gründen im Konzentrationslager Natzweiler und seinen Außenlagern interniert: politische Gegner, Widerstandskämpfer, polnische und sowjetische Zwangsarbeiter, Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Kriminelle, sogenannte “Asoziale”, Zeugen Jehovahs usw.

Die Deportierten gehören mehr als dreißig Nationalitäten an, die Mehrheit sind Polen, Russen und Franzosen.

Nach den aktuellen Forschungsarbeiten von 2025 lassen sich, bezogen auf die politische Geographie der heutigen Welt 51 Nationalitäten identifizieren, wenn man die Geburtsländer der Deportierten zugrunde legt.

Ab September 1943 wird das KZ Natzweiler für alle männlichen westeuropäischen Insassen, die unter den Nacht und Nebel-Erlass fielen, ausgewählt. Diese Häftlinge, darunter viele Widerstandskämpfer, sollten spurlos verschwinden. 


Hinweis: Die unten aufgeführten Staatsangehörigkeiten entsprechen den aktuellen Ländern, in denen sich die Geburtsorte der Deportierten befinden.

Entmenschlichung und Tod, Alltag der Deportierten

Die Haftbedingungen forderten ihren Tribut. Die Gefangenen werden in 13 Baracken eingepfercht, dazu kommen zwei Nebenbaracken (Büros und Küchen) und die Gefängnis- und Krematoriumsbaracken im unteren Bereich.

Extreme klimatische Bedingungen, verzehrender Hunger, mangelhafte Hygiene, alltägliche Gewalt oder anstrengende Arbeit im Steinbruch oder in den Außenlagern erklären eine hohe Sterblichkeit.

Das Lager bildet auch die Kulisse für hunderte von Hinrichtungen durch Erhängen oder Erschießen von im Lager registrierten Häftlingen oder von Gefangenen, die von den Abteilungen der nationalsozialistischen Sicherheitspolizei (Sipo-SD) eingeliefert werden, wie die dreizehn Jugendlichen von Ballersdorf, die sich der Einberufung in die Wehrmacht widersetzt hatten und am 17. Februar 1943 erschossen wurden, oder die 106 Widerstandskämpfer des Netzwerks “Alliance” und die 35 Partisanen der Groupe Mobile d’Alsace-Vosges, die in der Nacht vom 1. auf den 2. September 1944 ermordet wurden. Von 1941 bis 1945 sterben im Konzentrationslager Natzweiler etwa 17.000 Deportierte, davon 3.000 im Stammlager, das entspricht einer Sterberate von etwa 40 %.

Kriegsende und Weitergabe der Lagergeschichte

Am 25. November 1944 entdeckt eine Abteilung der 3. US-Infanteriedivision ein leeres Lager, 6.000 Häftlinge waren im September weggebracht worden. Aber der Leidensweg geht bis Ende April 1945 für die Deportierten weiter, die nach Dachau und in die Außenlager von Natzweiler verlegt wurden. Als Sonderfall bestehen sie ohne das Stammlager weiter.

Von seiner Befreiung bis 1949 wird das Lager von den französischen Behörden zunächst als Internierungslager für Kollaborateure und dann als Strafvollzugsanstalt genutzt.

Die Behörden entwickeln schnell ein Gedenkprojekt an diesem Ort. Das Lager wird im Januar 1950 zum historischen Denkmal erklärt und im darauffolgenden Jahr wird ein Plan zu seiner Erhaltung ausgearbeitet. Die Gedenkstätte der Märtyrer und Helden der Deportation – als Mausoleum für die Tausende Inhaftierte, deren Überreste im Krematorium vernichtet wurden, konzipiert – wurde am 23. Juli 1960 von General De Gaulle eingeweiht. Das 40 m hohe Denkmal in Form einer Flamme ist vom Tal aus sichtbar und zeigt an seiner Innenfassade die abgemagerte Silhouette eines Deportierten. Die sterblichen Überreste eines unbekannten Deportierten, Symbol für die Opfer der Lager, und 14 Urnen mit Erde oder Asche der verschiedenen Konzentrationslager werden in einer Gruft am Fuße der Gedenkstätte beigesetzt. Im angrenzenden nationalen Gräberfeld ruhen 1117 Leichen, die in Lagern und Gefängnissen der Nationalsozialisten exhumiert wurden.

Die Vermittlung der Geschichte des Konzentrationslagers Natzweiler und seiner Insassen, des Widerstands gegen den Nationalsozialismus und des Gedenkens an die Opfer insbesondere an junge Menschen stehen im Mittelpunkt der Aufgaben der Gedenkstätte Natzweiler-Struthof.