Krematoriumsofen

INHALT

  1. Ein vorläufiges Krematorium in der Nähe der Gaskammer
  2. Bau des dauerhaften Krematoriums
  3. Die Funktionsweise des Krematoriums
  4. Die Massaker vom September 1944
  5. Die Nutzung des Krematoriums durch die Außenlager

Der Krematoriumsofen des Konzentrationslagers Natzweiler, der im Gebäude rechts unterhalb des Lagers zu sehen ist, steht symbolisch für den absoluten Vernichtungswillen der Nationalsozialisten, mit dem sie selbst die Körper ihrer Feinde beseitigten.

Ein vorläufiges Krematorium in der Nähe der Gaskammer

Bis zum 10. Februar 1943 werden die Leichen der verstorbenen Deportierten ins Krematorium Straßburg-Robertsau gebracht. Die Sterbeurkunden werden im Rathaus von Natzwiller ausgefertigt.

Der vorläufige Krematoriumsofen wird am 3. Februar 1943 in Betrieb genommen. Er befindet sich nicht einmal 100 m vom Gasthaus entfernt in der Schleife der neuen Straße. Der Krematoriumsofen ist nachlässig installiert: Er befindet sich in einer einfachen Holzhütte, vielleicht nach dem Vorbild des Ofens von Bergen-Belsen. Heute ist nur noch eine Betonplatte zu sehen.

Die Leichen werden in einer Leichenhalle verwahrt, die sich in einer der an das Hotel angrenzenden Werkstätten befindet, wahrscheinlich im kleinen Nebengebäude der Autowerkstatt. Der Krematoriumsofen untersteht den SS-Leuten Jehle und Kormann – beide von der Fahrzeuginstandhaltung des Lagers – und dem SS-HauptscharführerPeter Straub. Die Todesfälle werden nun nicht mehr im Rathaus von Natzwiller erfasst, sondern direkt im Lager, in der Politischen Abteilung. Der Tod unterliegt jetzt völliger Geheimhaltung: Ableben, standesamtlicher Vermerk, die Einäscherungen mittwochs und samstags – keine Information verlässt das Gelände des KZ Natzweiler.

Bau des dauerhaften Krematoriums

Ab dem 28. April 1943 beginnen die Arbeiten am zukünftigen Krematoriumsgebäude. Ein 30-köpfiges Häftlingskommando ist mit Erdarbeiten für den Neubau beschäftigt und transportiert das benötigte Baumaterial (Sand und Kies). Die Arbeiten werden am 14. Oktober mit Fertigstellung des 9 m hohen Schornsteins beendet.

Das vorläufige Krematorium wird ab dem 1. Oktober abgebaut und am 22. Oktober im Neubau eingebaut. Ursprünglich wird es mit Heizöl betrieben und später auf Koks umgerüstet. Unter der Aufsicht von SS-Mann Straub arbeitet im Krematorium ein 5-köpfiges Häftlingskommando.

Die Funktionsweise des Krematoriums

Der Ofen wird erst eingeschaltet, wenn mindestens sechs Leichen in der Leichenhalle im Untergeschoss liegen. Sie ist durch ein Lastenaufzugsystem mit dem Ofenraum verbunden. Im Durchschnitt wird er dreimal in der Woche in Betrieb genommen. Vor der Einäscherung sammeln zwei Häftlinge Goldzähne und Prothesen für die SS-Kriegswirtschaft ein. Der Ofen läuft nicht im Dauerbetrieb. Zwei Leichen können entgegengesetzt zusammen gelegt und eingeäschert werden. Bei voller Hitze dauert die Einäscherung ca. 35 Minuten. Die Abwärme wird zur Beheizung des Gebäudes und des Duschwassers genutzt.

Für “germanische” Häftlinge gibt es ein Sonderverfahren. Vor der Einäscherung werden die Familien benachrichtigt. Sie haben 24 Stunden Zeit, sich mit dem Lager in Verbindung zu setzen. Sie haben drei Tage Zeit, die Leiche zu besuchen. Für die Einäscherung wird ein Stein mit der Häftlingsnummer in den Mund gelegt, damit die Asche identifiziert werden kann. Die Asche wird in Urnen gesammelt, die in einem benachbarten Raum gelagert werden. Die Familien können die Urnen zu folgenden Preisen abholen: 50 RM (rote Terrakotta) – 60 RM (schwarze Terrakotta) – 70 RM (emailliertes Blech). Diese Möglichkeit gibt es für die anderen Häftlinge nicht: Ihre sterblichen Überreste werden in die Aschegrube geworfen.

Die Massaker vom September 1944

Der Krematoriumsofen läuft nach dem Massaker an 141 Widerstandskämpfern des Réseau Alliance und der Groupe Mobile d’Alsace-Vosges (GMAV) in der Nacht vom 1. auf den 2. September 1944 ununterbrochen. Zwei Tage lang schlagen die Flammen 4-5 m aus dem Kamin.

Die Nutzung des Krematoriums durch die Außenlager

Bis August 1944 nutzen alle Außenlager das Krematorium im Stammlager Struthof. Von September bis Ende Oktober 1944 greifen die Lager des Unternehmens Wüste auf das Krematorium Reutlingen zurück. Im Neckartal werden die Toten in Heidelberg eingeäschert. Die ersten Toten aus Schömberg, Schörzingen, Spaichingen und Erzingen werden in Schwenningen eingeäschert.

Weitere Informationen

Steegmann Robert, Struthof. Le KL-Natzweiler et ses kommandos : une nébuleuse concentrationnaire des deux côtés du Rhin. 1941-1945 Straßbourg, La Nuée Bleue, 2005, S. 309-313.

BRANGE Juliette, Etude architecturale et fonctionnelle de l’ancien camp de Natzweiler-Struthof (67). Croisement des données archivistiques et archéologiques. Volume 2: Étude des structures, Masterarbeit 2 unter der Leitung von Michaël Landolt und Jean-Jacques Schwien, Fakultät für Geschichtswissenschaften Straßburg UMR 7044, 2020-2021. Französisches Zentralarchiv für Militärjustiz DCAJM: Prozess Natzweiler, 1958