Die Räumung des KZ Natzweiler

INHALT

  1. Die Räumung des Hauptlagers (September-November 1944)
  2. Die Räumung der Außenlager am linken Rheinufer (September-November 1944)
  3. Fortsetzung und Auflösung des Systems (Januar-März 1945)
  4. Kollaps des Systems (März-April 1945)

Die Räumung des Hauptlagers (September-November 1944)

Überbelegtes Lager angesichts des Vormarschs der Alliierten

Ab Anfang August 1944 wird das Konzentrationslager Natzweiler zum Auffanglager für Tausende von Häftlingen, die u. a. aus den Gefängnissen von Rennes, Belfort, Dijon, Nancy verlegt werden. Ende August ist das Lager mit über 6.000 Häftlingen überfüllt. Der Vormarsch der Alliierten nach den Landungen vom 6. Juni und 15. August 1944 macht die Überstellung von Häftlingen, die als gefährlich gelten, umso dringender. Parallel dazu macht sich Angst vor einem Angriff des Maquis im Stammlager breit, zumal ein Führungsstab der Sipo-SD in Schirmeck Operationen gegen die Widerstandskämpfer am Donon-Berg oder am Pass Col du Hantz koordiniert.

Der Räumungsbefehl und die Organisation der Überstellung

Am 1. September 1944 erhält Kommandant Fritz Hartjenstein am Vormittag per Funk den Befehl der Inspektion der Konzentrationslager in Sachsenhausen, das Lager zu räumen. Innerhalb weniger Stunden erstellt Hartjenstein einen ausführlichen Befehl und organisiert die Logistik für den Abtransport (Verpflegung, Züge, Eskorte usw.). Gleichzeitig fordert der vor Ort eingetroffene Gauleiter Wagner, dass ein SS-Kontingent im Lager bleibt, damit die Sicherheit der Deutschen im Tal gewährleistet und die Demontage der Flugzeuge im Steinbruch fortgesetzt werden kann. 425 Deportierte bleiben.

In drei Transporten werden 5.518 Häftlinge zwischen dem 2. und 4. September 1944 in das Konzentrationslager Dachau gebracht, wo sie zwischen dem 4. und 8. September registriert werden. 25 % von ihnen kehren rasch in Außenlager von Natzweiler wie Haslach (“Barbe”), Dautmergen oder Leonberg zurück. Die anderen werden als Arbeitskräfte in den Dachau-Außenlagern Allach oder Ottobrunn eingesetzt.

Das Massaker an den 141 Widerstandskämpfern

In der Nacht vom 1. auf den 2. September 1944 werden 141 Widerstandskämpfer – 106 des Netzwerks “Alliance” und 35 Partisanen der Groupe mobile d‘Alsace-Vosges (GMAV) – aus dem Sicherungslager Schirmeck-Vorbruck weggebracht und im Krematorium Natzweiler ermordet. Ihre sterblichen Überreste werden sofort verbrannt.

Dieses Massaker ist höchstwahrscheinlich auf eine Initiative von Erich Isselhorst, Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD Straßburg (BdS) zurückzuführen und stützt sich in Teilen auf einen Befehl Himmlers vom 17. Juni 1944, nach dem im Falle einer unmittelbaren Bedrohung eines Konzentrationslagers die Befehlshaber der Sipo-SD die Befugnis erhalten, die erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen. In einer militärisch prekären Lage mit Blick auf die Gefahr eines Angriffs der Partisanen und während die Telefonverbindungen mit Berlin, um Anweisungen zu bekommen, nur zufällig zustande kommen, dürfen diese 141 gefährlichen Widerstandskämpfer den Alliierten unter keinen Umständen in die Hände fallen. Sie werden also schlicht und einfach beseitigt.

Das Stammlager leert sich nach und nach

Im Stammlager bleibt Hartjenstein nach der Abfahrt der drei Transporte mit einem Teil seines Führungsstabs vor Ort, auch wenn mehrere seiner Abteilungen in Dachau unterkommen. Am 8. September bezieht eine Vorhut der Miliz das Stammlager. Wegen Zusammenstößen mit den Deportierten werden letztere in den Steinbruch verbracht. 3.000 Soldaten halten sich bis zum 21. September in den Baracken auf, bevor sie nach Deutschland aufbrechen.

Die Produktion im Steinbruch dauert nur noch kurze Zeit an, denn am 19./20. September 1944 werden 401 Häftlinge nach Dachau gebracht, während die acht Häftlinge aus dem Revier (Krankenstation) in das Außenlager Neckarelz verlegt werden.

Die endgültige Räumung und die Entdeckung des Stammlagers

Am 11. oder 17. November 1944 verlässt Hartjenstein mit seinen Abteilungen das Lager. Die Lagerverwaltung zieht nach Guttenbach in das Gasthaus Zum Karpfe, nach Binau (Schloss und Schule), während die SS-Reparaturwerkstatt nach Neunkirchen umverlegt wird.

Am 22. November 1944 verlassen die letzten sechzehn Häftlinge das Lager. Der Transport-LKW wird von einem alliierten Kampfflieger im Sturzflug angegriffen und kommt von der Straße ab. Sechs Häftlinge (vier Luxemburger und zwei Deutsche) ergreifen die Flucht. Die anderen werden zum Bahnhof Rothau und von dort ins Außenlager Neckarelz gebracht.

Am 25. November 1944 entdeckt eine Patrouille des 7. Regiments der 3. US-Infanteriedivision das Lager. Der Standort ist unversehrt, es gibt keine Insassen und keine SS. Schnell werden erste Fotos gemacht. Es erscheint ein erster Artikel in der New York Times vom 5. Dezember 1944.

Die Räumung der Außenlager am linken Rheinufer (September-November 1944)

Die Situation Anfang September 1944

Am 4. September 1944 werden 18.151 Häftlinge im KZ-Komplex Natzweiler erfasst. Neben den 6.000 Häftlingen im Hauptlager werden nach und nach 6.500 Gefangene der Außenlager abtransportiert, mindestens 3.000 im September und 2.000 im Oktober.

Räumungen an der Mosel

Die Außenlager im Departement Moselle (Thil, Audun-le-Tiche, Hayange, Peltre, Metz) werden ohne Befehl aus Berlin zwischen dem 28. August und dem 2. September geräumt. Der Abtransport ist dringend, denn Patton und seine 3. Armee stehen am 30. August vor Verdun.

Mehr als 1.650 Häftlinge werden nach Buchenwald (Thil), Kochendorf (Thil, Audun-le-Tiche) oder Ravensbrück gebracht (500 Frauen aus Hayange, von denen 133 unterwegs die Flucht gelingt).

Räumungen im Elsass und Westdeutschland

Im Elsass werden die rund 2.000 Häftlinge des Außenlagers Sainte-Marie-aux-Mines zwischen dem 8. September und dem 14. Oktober schrittweise nach Neckargartach, Allach – Außenlager von Dachau – oder Spaichingen abtransportiert. Das Außenlager Wesserling wird im Oktober geräumt, die Insassen kommen im Wesentlichen in das Konzentrationslager Sachsenhausen.

In Cochem, einem schrecklichen Außenlager in einem Tunnel in der Nähe von Luxemburg, das vom amerikanischen Vormarsch bedroht ist, nimmt ein Konvoi mit 1.081 Gefangenen am 15. September den Weg nach Dora, Außenlager von Buchenwald, in dem die V2 gebaut werden.

Am 13. Oktober 1944 werden 39 schwangere jüdische Frauen aus dem Außenlager Frankfurt-Walldorf nach Auschwitz-Birkenau gebracht. Das Lager wird schließlich am 23. November mit dem Transport von 1.660 Frauen nach Ravensbrück geräumt.

Die Insassen der anderen elsässischen Außenlager werden im Wesentlichen nach Dachau gebracht, aus Cernay am 25. September, aus Obernai am 25. und 28. September.

Natzweiler ohne Natzweiler

Auch wenn der Eindruck der Auflösung entsteht, das Lager Natzweiler existiert ohne Hauptlager in seinen Außenlagern weiter – ein Sonderfall. Ab September 1944 werden dort 25.000 neue Häftlinge registriert.

Fortsetzung und Auflösung des Systems (Januar-März 1945)

Das Konzentrationslager ist weiterhin aktiv

Nach den Transporten von September bis November 1944 werden am 19. November 20.631 Häftlinge erfasst. Zwischen September 1944 und März 1945 setzen rund dreißig Außenlager ihren Betrieb fort. Die Gefangenen arbeiten und sterben weiterhin in Fabriken, Minen oder auf Baustellen, um eine auf Talfahrt befindliche Kriegswirtschaft am Leben zu erhalten, während sich die endgültige Katastrophe im Laufe der Wochen immer deutlicher abzeichnet.

Schrittweise Auflösung der Außenlager

Auch wenn mehrere Außenlager ab Anfang 1945 aufgelöst werden – Echterdingen am 21. Januar, Wasseralfingen am 5. Februar, Hailfingen am 14. Februar oder Haslach (Deckname “Barbe”) am 15. Februar -, läuft die Maschinerie, die Menschenleben zermalmt, ungehindert weiter.

Transporte zu den Todeslagern

In der gleichen Zeit werden Kranke und Arbeitsunfähige unter unmenschlichen Bedingungen in die Todeslager Bergen-Belsen und Vaihingen verlegt. Anfang März 1945 werden rund 2.250 Deportierte aus den Lagern des Unternehmens “Wüste” – Schömberg, Echterdingen, Dormettingen, Schörzingen, Erzingen, Bisingen, Frommern – nach Bergen-Belsen geschickt. Es werden mindestens 400 Tote gezählt. Von Leonberg startet ein Transport mit 111 an Typhus und Lungeninfektionen Erkrankten in die gleiche Richtung. 80 von ihnen kommen nicht lebend an. Am 16. März 1945 verlassen 400 und 535 erkrankte Häftlinge aus Frankfurt-Katzbach das Lager. Bei Ankunft in Bergen-Belsen werden 16 Geflüchtete und 180 Tote gezählt. Rund 700 Kranke werden aus verschiedenen Außenlagern in das Todeslager Vaihingen geschickt, wo die Häftlinge unter unsäglichen Bedingungen sterben.

Absurde und mörderische Logik

Zur gleichen Zeit werden Anfang März 1945 2.750 Buchenwald-Häftlinge in die Lager des Unternehmens “Wüste” (Dormettingen, Schörzingen, Bisingen, Dautmergen) geschickt, während 1.700 Häftlinge aus Flossenbürg den Lagern Leonberg (1.000) und Offenburg (700) zugeteilt werden. Wenn es noch eines Beweises für die Absurdität des Systems, das unkontrollierbar und unerbittlich seiner inneren Logik folgt, bedarf, dann wird er hier in der Ignoranz jeglicher militärischen oder wirtschaftlichen Realität sichtbar.

Kollaps des Systems (März-April 1945)

Zusammenbruch der Lagerverwaltung

Nach Abtransport der Kranken im März 1945 bricht der Komplex des Konzentrationslagers Natzweiler innerhalb weniger Wochen zusammen, wie das Dritte Reich, dessen Gebiet von Westen und von Osten wie ein Chagrinleder schrumpft.

Die SS-Verwaltung des Lagers verschwindet zwischen Ende März und Anfang April. In Neunkirchen werden SS-Reparaturwerkstätten sabotiert. Die Kommandantur des Lagers Guttenbach verschwindet ebenso wie die Abteilungen in Binau. Die Politische Abteilung hört am 25. März 1945 auf zu existieren. Die gesicherten Akten werden schließlich am 1. Mai verbrannt. Die Effektenkammer im Schloss Binau wird am 29. März aufgelöst.

Die “Todesmärsche”

Ende März 1945 vegetieren noch 20.000 Häftlinge in den heruntergekommenen Baracken der Außenlager von Natzweiler und sterben dort. 19.000 Häftlinge werden abtransportiert. 13.000 werden mit der Bahn nach Dachau und in sein Außenlager Allach geschickt. 7.500 Häftlinge werden für besonders strapaziöse “Todesmärsche” auf der Straße eingeplant. Von 2.000 Häftlingen, die am 25. März 1945 nach Dachau aufbrechen, fehlen 181 beim Appel ihrer Ankunft am 2. April. Von 350 Häftlingen, die von Frankfurt-Katzbach nach Buchenwald aufbrechen, sterben 68, bis der Konvoi am 30. März eintrifft. Der “Todesmarsch” von Kochendorf ist einer der brutalsten. 1.200 Häftlinge starten am 30. März zu Fuß. Sie kommen am 2., 8. und 12. April in Dachau und Allach an. 179 oder 347 sterben auf dem Weg. Das Todeslager Vaihingen wird ab dem 2. April teilweise geräumt. 440 und 250 Häftlinge, alle krank, werden am 7. und 9. April in Dachau registriert. Schätzungen gehen von 12 bis 200 Toten aus. 600 Gefangene werden in Vaihingen zurückgelassen, französische Einheiten finden sie am 7. April. Erschreckende Fotos ihrer Haftbedingungen werden aufgenommen und gehen um die Welt. Die Lager des Unternehmens “Wüste” werden ab dem 7. April in großem Stil geräumt, rund 4.800 Gefangene werden mit der Bahn nach Allach verlegt. Mitte April werden 2.500 Häftlinge von Leonberg in die Außenlager von Dachau Kaufering und Mühldorf verlegt.

Weitere 4.000 Gefangene gehen zu Fuß oder werden mit dem Zug nach Dachau gebracht, aber angesichts des Vormarschs der Alliierten lässt die SS sie fernab jeder Siedlung zurück. So werden die kranken Häftlinge aus Neckarelz und Neckargerach, die am 29. März in offenen Waggons abtransportiert werden, am 2. April in Osterbürken zurückgelassen. Zwischen 30 und 87 Deportierte verlieren ihr Leben. Rund 700 Männer aus den Lagern Schömberg und Dautmergen, die am 18. April zu Fuß nach Tirol aufgebrochen waren, werden am 1. Mai in Mittenwald im Stich gelassen. 600 Häftlinge aus Spaichingen und Bisingen kommen am 28. April in Steingaden frei. Weitere 2.000 aus Schörzingen, Bisingen und Dautmergen werden in Ostrach befreit.

Die genaue Bilanz der Verluste ist schwer zu erstellen

Wie viele Leben diese Lagerräumungen gekostet haben, ist schwer einzuschätzen. Robert Steegmann spricht von rund 5.000 Toten. Arno Huth schätzt die Zahl der Todesopfer auf 1.376 bis 2.354.

Weitere Informationen

Steegmann Robert, Struthof. Le KL-Natzweiler et ses kommandos : une nébuleuse concentrationnaire des deux côtés du Rhin. 1941-1945, Straßburg, La Nuée Bleue, 2005

Huth Arno, Das doppelte Ende des “K.L. Natzweiler” auf beiden Seiten des Rheins, Neckarelz/Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, 2013.

Karte des Konzentrationslagers Natzweiler und seiner Außenlager.